Sebastian Wagner

Öffentliche Aufträge gewinnen: Zahlen aus 89.707 Zuschlägen

78 Prozent der Angebote kommen von kleinen und mittleren Unternehmen, im Median konkurrieren 4 Angebote: was 89.707 veröffentlichte Zuschläge aus 2025 und 2026 über Wettbewerb, Region und Verfahrensart zeigen.

Wer als kleines Unternehmen eine öffentliche Ausschreibung gewinnen will, prüft vor dem Angebot Eignung und KO-Kriterien und wählt dann nach Wettbewerb, Region und Verfahrensart aus. Kleine und mittlere Unternehmen bieten bei öffentlichen Aufträgen in Deutschland in großer Zahl mit: Von Januar bis Oktober 2026 kamen 78,2 Prozent der Angebote von ihnen (20.345 Verfahren, in denen der Auftraggeber diese Angabe macht). Im Median konkurrierten 4 Angebote um einen Auftrag, in 18,0 Prozent der Verfahren ging nur ein einziges ein. Für diesen Beitrag haben wir 40.441 veröffentlichte Zuschläge von Januar bis Oktober 2026 aus unserem Ausschreibungsverzeichnis von Tender Republic ausgewertet, mit dem Jahr 2025 sind es 89.707.

Stand: 5. November 2026 · Autor: Sebastian Wagner, Mitgründer und Geschäftsführer von Tender Republic · Methodik: Auswertung des Ausschreibungsverzeichnisses von Tender Republic, deutsche Bekanntmachungen 2025 und 2026, je Verfahren einmal gezählt. Wie das Verzeichnis entsteht und zählt, steht in der Methodik des Ausschreibungsverzeichnisses.

Eine Grenze vorweg: 99 Prozent der veröffentlichten Zuschläge stammen aus Verfahrensarten für EU-weite Vergaben, also in aller Regel aus Aufträgen ab den Schwellenwerten nach § 106 GWB. Nationale Vergaben unterhalb der Schwellenwerte kommen in den veröffentlichten Zuschlägen praktisch nicht vor und fehlen deshalb in dieser Auswertung.

Haben kleine Firmen bei öffentlichen Ausschreibungen eine Chance?

Ja: Kleine und mittlere Unternehmen stellen die Mehrheit der Angebote bei öffentlichen Ausschreibungen in Deutschland. Laut Ausschreibungsverzeichnis von Tender Republic stammten von Januar bis Oktober 2026 78,2 Prozent der Angebote von kleinen und mittleren Unternehmen (115.064 von 147.221 Angeboten in 20.345 Verfahren, in denen der Auftraggeber die Zahl der Angebote von kleinen und mittleren Unternehmen nennt). Im Jahr 2025 waren es 75,0 Prozent (21.841 Verfahren). Die Zahl beschreibt, wer bietet, nicht wer gewinnt. In 53,0 Prozent dieser Verfahren kamen 2026 sämtliche Angebote von kleinen und mittleren Unternehmen, 2025 in 52,1 Prozent. Nur in 12,5 Prozent der Verfahren (2.535) beteiligte sich 2026 kein einziges kleines oder mittleres Unternehmen, 2025 lag dieser Anteil bei 15,8 Prozent. Für ein kleines Unternehmen lautet die Frage bei öffentlichen Ausschreibungen deshalb nicht, ob es mitbieten kann, sondern bei welchen Ausschreibungen sich das Angebot lohnt.

Das Vergaberecht nennt den Mittelstand ausdrücklich: „Mittelständische Interessen sind bei der Vergabe öffentlicher Aufträge vornehmlich zu berücksichtigen“ (§ 97 Absatz 4 GWB). Als kleines oder mittleres Unternehmen gilt nach der Empfehlung 2003/361/EG der Europäischen Kommission, wer weniger als 250 Personen beschäftigt und höchstens 50 Millionen Euro Jahresumsatz oder 43 Millionen Euro Bilanzsumme hat.

Der Anteil kleiner und mittlerer Unternehmen an den Angeboten schwankt nach Branche. Bei Malerarbeiten lag er 2026 bei 93,4 Prozent, im Bau bei 86,7 Prozent und bei IT Dienstleistungen bei 51,1 Prozent. Der Datenreport Bau 2026 zählt insgesamt 15.299 veröffentlichte Zuschläge von Januar bis Oktober 2026; der Anteil beruht auf den Verfahren mit dieser Angabe, sie fehlt in rund der Hälfte der Verfahren.

Wie viele Angebote gehen bei einer Ausschreibung ein?

Bei öffentlichen Ausschreibungen mit veröffentlichtem Zuschlag, fast durchweg EU-weite Verfahren, gehen in Deutschland im Median 4 Angebote ein. Das zeigt das Ausschreibungsverzeichnis von Tender Republic für 32.354 Verfahren mit Angabe der Angebotszahl von Januar bis Oktober 2026. Die mittlere Hälfte dieser Verfahren liegt zwischen 2 und 7 Angeboten. Im Jahr 2025 lag der Median bei 3 Angeboten (38.008 Verfahren). In 18,0 Prozent der Verfahren ging 2026 nur ein einziges Angebot ein (5.817 Verfahren), 2025 in 19,7 Prozent. Fast jedes zweite Verfahren, 47,7 Prozent, erhielt 2026 höchstens drei Angebote, mehr als 7 Angebote höchstens jedes vierte. Wir zählen je Verfahren das Los mit den meisten Angeboten, damit ein Bieter, der auf mehrere Lose bietet, nicht mehrfach in die Zahl eingeht. Wer bei einer solchen Ausschreibung ein Angebot abgibt, tritt also in der Regel gegen eine Handvoll Mitbewerber an und nicht gegen Dutzende.

Die Angebotszahl unterscheidet sich nach Verfahrensart. Die Tabelle zeigt die vier häufigsten.

Tabelle 1: Angebote je Verfahren nach Verfahrensart, veröffentlichte Zuschläge von Januar bis Oktober 2026 (in Klammern 2025), Stand 5. November 2026

Verfahrensart

Zuschläge 2026

Verfahren mit Angebotszahl

Median Angebote

Nur ein Angebot

Offenes Verfahren

31.111

24.470

4 (4)

12,7 % (13,8 %)

Verhandlungsverfahren mit Teilnahmewettbewerb

6.040

4.939

3 (3)

17,5 % (20,2 %)

Verhandlungsverfahren ohne Teilnahmewettbewerb

2.469

2.314

1 (1)

73,5 % (76,8 %)

Nicht offenes Verfahren

496

430

4 (3)

16,3 % (21,0 %)

Drei von vier veröffentlichten Zuschlägen von Januar bis Oktober 2026 (76,9 Prozent) stammen aus offenen Verfahren. Für Liefer- und Dienstleistungen regelt das § 15 Absatz 1 VgV: „Jedes interessierte Unternehmen kann ein Angebot abgeben.“ Für Bauleistungen gilt die VOB/A (§ 2 VgV).

Im Verhandlungsverfahren ohne Teilnahmewettbewerb fordert der Auftraggeber ausgewählte Unternehmen direkt zum Angebot auf, ohne öffentlichen Aufruf (§ 17 Absatz 5 VgV, für Liefer- und Dienstleistungen). § 14 Absatz 4 VgV erlaubt das nur in aufgezählten Fällen, etwa wenn der Auftrag nur von einem bestimmten Unternehmen erbracht werden kann. Dazu passt, dass von Januar bis Oktober 2026 in 73,5 Prozent dieser Verfahren nur ein Angebot einging.

In welchen Branchen ist der Wettbewerb am geringsten?

Unter zwölf ausgewerteten Branchen ist der Wettbewerb um öffentliche Aufträge bei spezialisierten Liefer- und IT-Leistungen am geringsten und bei Reinigung, Bewachung und Ausbaugewerken am höchsten. Laut Ausschreibungsverzeichnis von Tender Republic ging von Januar bis Oktober 2026 bei Labor und Messtechnik in 63,9 Prozent der 590 Verfahren mit Angabe der Angebotszahl nur ein Angebot ein, bei Software in 45,3 Prozent (738 Verfahren) und bei IT Dienstleistungen in 32,8 Prozent (1.196 Verfahren). Bei Gebäudereinigung war es 1,0 Prozent von 883 Verfahren, im Median gingen dort 10 Angebote ein. Bei Sicherheitsdiensten lag der Median 2026 bei 9 Angeboten (332 Verfahren), bei Malerarbeiten bei 8 (203 Verfahren) und im Bau bei 5 (11.596 Verfahren). Tiefbau und Ingenieurleistungen kamen 2026 jeweils auf 4 Angebote im Median. Wenige Angebote bedeuten nicht automatisch leichte Aufträge: Wo häufig nur ein Angebot eingeht, kann die Leistung auf einen Hersteller oder den bisherigen Auftragnehmer zugeschnitten sein.

Balkendiagramm: Anteil der Verfahren mit nur einem Angebot und Median der Angebote in zwölf Branchen, Januar bis Oktober 2026. Labor und Messtechnik 63,9 Prozent, Software 45,3 Prozent, IT Dienstleistungen 32,8 Prozent, Gebäudereinigung 1,0 Prozent; alle Branchen 18,0 Prozent.

Abbildung: Anteil der Verfahren mit nur einem Angebot und Median der Angebote in zwölf Branchen, veröffentlichte Zuschläge von Januar bis Oktober 2026. Quelle: Ausschreibungsverzeichnis von Tender Republic, Stand 5. November 2026.

Tabelle 2: Wettbewerb und Zuschlagswert in zwölf Branchen, veröffentlichte Zuschläge von Januar bis Oktober 2026, Stand 5. November 2026

Branche

Zuschläge

Median Angebote

Nur ein Angebot

Median Zuschlagswert

Bau

15.299

5

6,7 %

311.565 €

Ingenieurleistungen

4.530

4

13,1 %

200.118 €

Tiefbau

2.190

4

11,2 %

1.017.007 €

Elektrotechnik

1.816

4

18,4 %

354.714 €

IT Dienstleistungen

1.349

3

32,8 %

479.040 €

Sanitär Heizung Klima

1.264

5

6,4 %

404.663 €

Gebäudereinigung

1.171

10

1,0 %

353.781 €

Software

832

2

45,3 %

437.484 €

Labor und Messtechnik

703

1

63,9 %

300.000 €

Garten und Landschaftsbau

664

6

3,2 %

500.344 €

Sicherheitsdienste

389

9

2,1 %

1.392.257 €

Malerarbeiten

271

8

2,0 %

114.694 €

Zuschlagswerte zählen nur ab 1.000 Euro und ab 5 Prozent des geschätzten Werts, die Angebotszahl ist das Los mit den meisten Angeboten, jedes Verfahren zählt einmal.

Die Datenreports nennen je Branche Zuschläge, Werte und Angebotszahlen: der Datenreport Gebäudereinigung 2026 1.171 Zuschläge bei einem Median des Zuschlagswerts von 353.781 Euro (521 Zuschläge mit plausiblem Wert), der Datenreport Tiefbau 2026 einen Median von 1.017.007 Euro (1.216 Zuschläge), der Datenreport IT Dienstleistungen 2026 479.040 Euro (391 Zuschläge), der Datenreport Ingenieurleistungen 2026 4.530 Zuschläge mit 13,1 Prozent Verfahren mit nur einem Angebot und der Datenreport Elektrotechnik 2026 1.816 Zuschläge mit 18,4 Prozent.

Die Branchenseiten zeigen, was gerade läuft, und die Werte des Jahres 2025. Bei den laufenden Ausschreibungen für Gebäudereinigung gingen 2025 im Median 9 Angebote ein, nur in 1,9 Prozent der 972 Verfahren ein einziges. Bei den aktuellen Tiefbau-Ausschreibungen waren es 4 Angebote und 12,9 Prozent (1.867 Verfahren), bei den laufenden IT-Ausschreibungen 2 Angebote und 37,3 Prozent (1.368 Verfahren), bei den Ausschreibungen für Sicherheitsdienste 6 Angebote und 5,4 Prozent (410 Verfahren).

Gewinnen Firmen aus der Region häufiger?

Gut die Hälfte der öffentlichen Aufträge in Deutschland geht an ein Unternehmen aus dem Bundesland, in dem die Leistung erbracht wird. Laut Ausschreibungsverzeichnis von Tender Republic hatte der Gewinner von Januar bis Oktober 2026 bei 54,5 Prozent der Zuschläge je Los seinen Sitz im Bundesland des Leistungsorts (69.120 Zuschläge je Los mit Gewinnersitz und Leistungsort). Im Jahr 2025 waren es 52,9 Prozent (86.797 Zuschläge je Los). Der Anteil hängt stark von der Branche ab: Bei Malerarbeiten kamen 2026 80,7 Prozent der Gewinner aus dem Bundesland des Leistungsorts, bei Sanitär Heizung Klima 76,1 Prozent, bei Gebäudereinigung 68,9 Prozent, bei IT Dienstleistungen nur 30,3 Prozent und bei Software 24,3 Prozent. Ob Unternehmen aus dem Land häufiger gewinnen, als es ihrem Anteil an den Angeboten entspricht, zeigen die Daten nicht, weil der Sitz der unterlegenen Bieter nicht veröffentlicht wird. Einen rechtlichen Vorrang gibt es nicht: Nach § 97 Absatz 2 GWB sind die Teilnehmer an einem Vergabeverfahren gleich zu behandeln.

Drei Beispiele zeigen die Spanne:

Auch die Länder unterscheiden sich. In Bayern blieben 2025 67,1 Prozent der Zuschläge je Los im Land, in Nordrhein-Westfalen 59,5 Prozent, in Hamburg 29,4 Prozent und in Bremen 18,6 Prozent. Für die Auswahl ist das ein Anhaltspunkt: Maler-, Heizungs- und Reinigungsaufträge gehen meist an Unternehmen aus dem Land, IT-Aufträge überwiegend an Unternehmen von außerhalb.

Wie viele Firmen gewinnen mehr als einen öffentlichen Auftrag?

Rund jede dritte erfolgreiche Firma erhält im Jahr mehr als einen veröffentlichten Zuschlag, zwei von drei erhalten genau einen. Laut Ausschreibungsverzeichnis von Tender Republic standen von Januar bis Oktober 2026 24.779 verschiedene Firmen mit mindestens einem veröffentlichten Zuschlag im Verzeichnis, 16.474 davon, also 66,5 Prozent, mit genau einem. Im Jahr 2025 waren es 17.528 von 27.087 Firmen, also 64,7 Prozent. Zwei Zuschläge erhielten 2026 weitere 3.997 Firmen (16,1 Prozent). Am anderen Ende steht eine kleine Gruppe von Vielgewinnern: 2025 kamen 683 Firmen, das sind 2,5 Prozent, auf zehn oder mehr Zuschläge und vereinten 23,1 Prozent der Zuschläge an Firmen auf sich (Januar bis Oktober 2026: 519 Firmen mit 19,9 Prozent der Zuschläge). Wir zählen Verfahren mit Zuschlag je Firma, ohne Einzelpersonen und ohne Einträge, in denen der Auftraggeber den Gewinner nicht nennt. Aufträge ohne veröffentlichten Zuschlag fehlen in dieser Zählung.

Wie oft diese Firmen geboten haben, zeigen die Daten nicht. Aus unserer Sicht lohnt trotzdem Auswahl statt Masse: ein Verfahren, bei dem Eignung, Region und Wettbewerb passen.

Ein Beispiel ist die Zuschlagshistorie von SBH Schulbau Hamburg: 2.806 Ausschreibungen seit Ende 2022 und 965 veröffentlichte Zuschläge. 2025 gingen dort im Median 6 Angebote ein (382 Verfahren), nur in 2,1 Prozent der Verfahren ein einziges. Bei einem solchen Auftraggeber bieten regelmäßig mehrere Firmen mit; welches Gewicht der Preis hat, steht in den Zuschlagskriterien der Bekanntmachung.

Wie lange dauert es bis zum Zuschlag?

Im offenen Verfahren liegen bei öffentlichen Aufträgen in Deutschland zwischen dem Ende der Angebotsfrist und dem Zuschlagsdatum im Median 43 Tage, also gut sechs Wochen. Das ergibt die Auswertung des Ausschreibungsverzeichnisses von Tender Republic für 30.066 offene Verfahren mit Angebotsfrist und Zuschlagsdatum von Januar bis Oktober 2026. Im Jahr 2025 lag der Median bei 42 Tagen (36.186 Verfahren). Die mittlere Hälfte der offenen Verfahren brauchte 2026 zwischen 30 und 59 Tagen. In 25,4 Prozent fiel der Zuschlag innerhalb von 30 Tagen, in 6,8 Prozent dauerte es länger als 90 Tage. Verfahren mit Teilnahmewettbewerb dauern deutlich länger: Vom Ende der Teilnahmefrist bis zum Zuschlag vergingen 2026 im Median 122 Tage (4.995 Verfahren). Für die Planung heißt das: Personal, Geräte und Nachunternehmer müssen nach der Abgabe im offenen Verfahren gut sechs Wochen, in rund jedem vierten Verfahren länger als 59 Tage verfügbar bleiben, ohne dass der Auftrag sicher ist.

Tabelle 3: Tage bis zum Zuschlag nach Verfahren, veröffentlichte Zuschläge, Stand 5. November 2026

Verfahren

Zeitraum

Gemessen ab

Verfahren mit Angabe

Median

Offenes Verfahren

Januar bis Oktober 2026

Ende der Angebotsfrist

30.066

43 Tage

Offenes Verfahren

2025

Ende der Angebotsfrist

36.186

42 Tage

Verfahren mit Teilnahmewettbewerb

Januar bis Oktober 2026

Ende der Teilnahmefrist

4.995

122 Tage

Vor dem Zuschlag liegt die Angebotsfrist. Bei Liefer- und Dienstleistungen beträgt sie im offenen Verfahren in der Regel mindestens 35 Tage (§ 15 Absatz 2 VgV); der Auftraggeber kann sie um fünf Tage verkürzen, wenn er elektronische Angebote akzeptiert (§ 15 Absatz 4 VgV). Mindestfrist und Median zusammen ergeben rund zehn bis elf Wochen von der Bekanntmachung bis zum Zuschlag (30 oder 35 plus 43 Tage). Das ist eine Rechnung aus zwei Werten, keine gemessene Dauer.

Wie das im Einzelfall aussieht, zeigt der Zuschlag für die Unterhalts-, Grund- und Glasreinigung in Freiburg: Angebotsfrist am 14. September 2026, Zuschlag am 20. Oktober 2026, also nach 36 Tagen. Es gingen 12 Angebote ein, der Zuschlagswert lag bei 335.914,91 Euro gegenüber einem geschätzten Wert von 375.000 Euro, der Vertrag läuft 60 Monate.

Wie gewinnt ein kleines Unternehmen eine öffentliche Ausschreibung? Sieben Prüfpunkte vor dem Angebot

Ein kleines Unternehmen, das eine öffentliche Ausschreibung gewinnen will, prüft vor dem Angebot sieben Punkte: Eignung, KO-Kriterien, Wettbewerb, Region, Verfahrensart, Frist und Aufwand. Eignung und KO-Kriterien stehen vorn, weil sie über die Wertung entscheiden. Erfüllt ein Unternehmen ein Eignungskriterium nicht oder fehlt eine geforderte oder nachgeforderte Unterlage, wird das Angebot bei Liefer- und Dienstleistungen nach § 57 Absatz 1 VgV von der Wertung ausgeschlossen, gleich wie gut der Preis ist. Erst nach Eignung und KO-Kriterien lohnt der Blick auf Wettbewerb, Region und Verfahrensart. Die Vergleichswerte für Januar bis Oktober 2026 liefert das Ausschreibungsverzeichnis von Tender Republic. Im Median gingen 4 Angebote je Verfahren ein (32.354 Verfahren). Bei 54,5 Prozent der Zuschläge je Los saß der Gewinner im Bundesland des Leistungsorts (69.120 Zuschläge je Los). Im Verhandlungsverfahren ohne Teilnahmewettbewerb blieb es in 73,5 Prozent der 2.314 Verfahren bei einem einzigen Angebot.

Die Fundstellen aus der VgV gelten für Liefer- und Dienstleistungen ab den EU-Schwellenwerten. Für Bauleistungen gilt die VOB/A (§ 2 VgV), unterhalb der Schwellenwerte je nach Bund und Land die UVgO oder Landesrecht; maßgeblich ist, was Bekanntmachung und Vergabeunterlagen verlangen.

Checkliste: Vor dem Angebot prüfen

  1. Eignung. Erfüllen Sie Mindestumsatz und Referenzen? Ein verlangter Mindestjahresumsatz darf das Zweifache des geschätzten Auftragswerts nur bei speziellen Risiken überschreiten (§ 45 Absatz 2 VgV). Verlangen darf der Auftraggeber Referenzen aus den letzten höchstens drei Jahren, ältere kann er zulassen (§ 46 Absatz 3 Nummer 1 VgV). Fehlt etwas, bleiben die Kapazitäten anderer Unternehmen, etwa mit einer Verpflichtungserklärung; bei Referenzen muss das andere Unternehmen die Leistung dann selbst erbringen (§ 47 Absatz 1 VgV). Eine Bietergemeinschaft ist wie ein Einzelbieter zu behandeln (§ 43 Absatz 2 VgV).

  2. KO-Kriterien in den Unterlagen. Lesen Sie Mindestanforderungen, Formvorgaben und geforderte Nachweise, bevor Sie kalkulieren. Wie Sie diese Stellen finden, erklärt der Beitrag zu KO-Kriterien in Vergabeunterlagen.

  3. Wettbewerb in der Branche. Vergleichen Sie den Median der Angebote und den Anteil der Verfahren mit nur einem Angebot in Ihrer Branche mit Ihrer Kalkulation. Bei Gebäudereinigung gingen von Januar bis Oktober 2026 im Median 10 Angebote ein, dort müssen Sie mit vielen Mitbietern rechnen.

  4. Region. Liegt der Leistungsort in Ihrem Bundesland? Bei Malerarbeiten (80,7 Prozent), Sanitär Heizung Klima (76,1 Prozent) und Gebäudereinigung (68,9 Prozent) saß von Januar bis Oktober 2026 die Mehrheit der Gewinner im Land.

  5. Verfahrensart. Im offenen Verfahren kann jedes interessierte Unternehmen bieten. Bei Verfahren mit Teilnahmewettbewerb kann jedes interessierte Unternehmen einen Teilnahmeantrag stellen (§ 16 Absatz 1 und § 17 Absatz 1 VgV); ein Angebot gibt danach nur ab, wer dazu aufgefordert wird (§ 16 Absatz 4 und § 17 Absatz 4 VgV).

  6. Frist. Rechnen Sie vom Abgabetermin rückwärts. Fehlende Unterlagen kann der Auftraggeber nachfordern, er muss es nicht und kann es in den Unterlagen ausschließen (§ 56 Absatz 2 VgV).

  7. Aufwand gegen Auftragswert. Der Median des Zuschlagswerts lag von Januar bis Oktober 2026 bei 331.500 Euro (21.299 Zuschläge mit plausiblem Wert). Setzen Sie die Tage für das Angebot und gut sechs Wochen Wartezeit bis zum Zuschlag dagegen.

Zuschlag nicht erhalten, was nun?

Wer den Zuschlag für einen öffentlichen Auftrag nicht erhält, erfragt zuerst beim Auftraggeber die Gründe der Ablehnung und vergleicht danach das eigene Angebot mit dem veröffentlichten Zuschlag. Bei EU-weiten Verfahren informiert der Auftraggeber die unterlegenen Bieter vor dem Vertragsschluss über den Namen des erfolgreichen Unternehmens, die Gründe der Nichtberücksichtigung und den frühesten Zeitpunkt des Vertragsschlusses (§ 134 Absatz 1 GWB). Der Vertrag darf erst 15 Kalendertage nach Absendung dieser Information geschlossen werden, bei elektronischem Versand nach 10 Kalendertagen (§ 134 Absatz 2 GWB). Bei Liefer- und Dienstleistungen nennt der Auftraggeber auf Verlangen innerhalb von 15 Tagen die Merkmale und Vorteile des erfolgreichen Angebots (§ 62 Absatz 2 VgV). Was danach öffentlich wird, steht im Ausschreibungsverzeichnis von Tender Republic: Die Zuschläge aus dem Oktober 2026 umfassen 1.513 Aufträge mit Datum und, soweit genannt, Gewinner (Stand 5. November 2026), für das Jahr 2025 sind es 49.266 Verfahren, für Januar bis Oktober 2026 bisher 40.441.

Hält ein Bieter die Entscheidung für vergaberechtswidrig, bleibt bei EU-weiten Verfahren nur die Zeit bis zum Vertragsschluss. Ein Nachprüfungsverfahren leitet die Vergabekammer nur auf Antrag ein (§ 160 Absatz 1 GWB). Der Antrag ist unzulässig, soweit der Bieter einen erkannten Verstoß nicht innerhalb von zehn Kalendertagen beim Auftraggeber gerügt hat (§ 160 Absatz 3 Satz 1 Nummer 1 GWB). Ein wirksam erteilter Zuschlag kann nicht aufgehoben werden (§ 168 Absatz 2 Satz 1 GWB). Ob ein solcher Schritt trägt, ist eine Frage für eine Fachanwältin oder einen Fachanwalt für Vergaberecht.

Drei Angaben aus dem veröffentlichten Zuschlag helfen bei der Auswertung einer Absage:

  • Wie weit lag der Preis entfernt? Den Zuschlagswert nennen 54,2 Prozent der Zuschläge von Januar bis Oktober 2026 (21.920 von 40.441).

  • Wie viele haben geboten? Die Angebotszahl steht bei 80,0 Prozent der Zuschläge (32.354 von 40.441). Bei zwölf Angeboten ist ein zweiter Platz aus unserer Sicht ein gutes Ergebnis, bei zwei lohnt der Blick auf den Abstand zum Zuschlagswert.

  • Wann kommt der Auftrag wieder? Aus der Laufzeit ergibt sich die nächste Ausschreibung. Ein Reinigungsvertrag über 60 Monate ab Dezember 2026 steht voraussichtlich 2031 wieder an.

Wie hilft Tender Republic bei der Auswahl von Ausschreibungen?

Tender Republic ist ein KI-Assistent für öffentliche Ausschreibungen: Die Plattform gleicht neue Bekanntmachungen und Vergabeunterlagen inhaltlich mit dem Leistungsprofil eines Unternehmens ab und bewertet jede Ausschreibung mit 1 bis 3, mit Begründung und Fundstelle. Wie die Suche dahinter funktioniert, beschreibt der Beitrag Ausschreibungen automatisch finden; warum Branchencodes allein nicht reichen, steht im Beitrag zu CPV-Codes.

Häufige Fragen zu öffentlichen Aufträgen für kleine Unternehmen

Kann ein Unternehmen ohne Referenzen an öffentlichen Ausschreibungen teilnehmen?

Ja, wenn die Bekanntmachung keine Referenzen verlangt oder die Lücke geschlossen wird. Bei Liefer- und Dienstleistungen kann ein Bieter die Kapazitäten anderer Unternehmen in Anspruch nehmen, die die Leistung dann selbst erbringen (§ 47 Absatz 1 VgV), oder in einer Bietergemeinschaft antreten (§ 43 Absatz 2 VgV).

Wie hoch ist die Chance, eine öffentliche Ausschreibung zu gewinnen?

Eine feste Gewinnquote für öffentliche Ausschreibungen gibt es nicht. Laut Ausschreibungsverzeichnis von Tender Republic gingen von Januar bis Oktober 2026 bei Verfahren mit veröffentlichtem Zuschlag im Median 4 Angebote ein (32.354 Verfahren), in 18,0 Prozent nur eines. Die eigene Chance hängt an Eignung, Preis und Branche: Bei Gebäudereinigung konkurrieren im Median 10 Angebote, bei Software 2.

Welche Ausschreibungen eignen sich für den Einstieg?

Aus unserer Sicht eignen sich für den Einstieg offene Verfahren im eigenen Bundesland. Bei Liefer- und Dienstleistungen kann dort jedes interessierte Unternehmen ein Angebot abgeben (§ 15 Absatz 1 VgV), für Bauleistungen gilt die VOB/A. 76,9 Prozent der veröffentlichten Zuschläge von Januar bis Oktober 2026 stammen aus offenen Verfahren, bei Malerarbeiten kamen 80,7 Prozent der Gewinner aus dem Bundesland des Leistungsorts.

Wo sehe ich, wer eine Ausschreibung gewonnen hat?

Wer eine öffentliche Ausschreibung gewonnen hat, steht in der Bekanntmachung über den vergebenen Auftrag. Das Ausschreibungsverzeichnis von Tender Republic führt rund 160.000 veröffentlichte Zuschläge seit Dezember 2022 mit Datum und, soweit genannt, Gewinner (Stand 5. November 2026). Den Zuschlagswert nennen 54,2 Prozent der Zuschläge von Januar bis Oktober 2026, die Zahl der Angebote 80,0 Prozent.

Was gilt bei öffentlichen Aufträgen als kleines oder mittleres Unternehmen?

Ein kleines oder mittleres Unternehmen ist nach der Empfehlung 2003/361/EG der Europäischen Kommission ein Unternehmen mit weniger als 250 Beschäftigten und höchstens 50 Millionen Euro Jahresumsatz oder 43 Millionen Euro Bilanzsumme. Nach § 97 Absatz 4 GWB sind mittelständische Interessen bei der Vergabe öffentlicher Aufträge vornehmlich zu berücksichtigen.

Weiter im Verzeichnis

Quellen

  • §§ 97, 106, 134, 160 und 168 GWB, gesetze-im-internet.de

  • §§ 2, 14, 15, 16, 17, 43, 45, 46, 47, 56, 57 und 62 VgV, gesetze-im-internet.de

  • Empfehlung 2003/361/EG der Kommission vom 6. Mai 2003 betreffend die Definition der Kleinstunternehmen sowie der kleinen und mittleren Unternehmen, eur-lex.europa.eu

  • Eigene Daten: Ausschreibungsverzeichnis von Tender Republic, deutsche Bekanntmachungen 2025 und 2026 (49.266 veröffentlichte Zuschläge mit Zuschlagsdatum 2025, 40.441 von Januar bis Oktober 2026), Stand 5. November 2026

Stand: 5. November 2026. Zahlen für 2026 umfassen Zuschläge vom 1. Januar bis 31. Oktober 2026 und wachsen noch, weil Zuschläge oft erst Wochen später veröffentlicht werden. Die verlinkten Seiten des Verzeichnisses werden täglich neu berechnet. GWB und VgV sind in der am 5. November 2026 geltenden Fassung zitiert. Der Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall.

Über den Autor: Sebastian Wagner ist Mitgründer und Geschäftsführer der Tender Republic GmbH. Tender Republic betreibt das Ausschreibungsverzeichnis, aus dem die Zahlen dieses Beitrags stammen.